Ein Baum für jedes Bundesland

Die grafische Gestaltung im Restaurant des Deutschen Pavillon auf der EXPO 2010

Was ist eigentlich typisch deutsch? Und was verbinden die Deutschen mit dem begriff Natur? Zwei Fragen, mit denen sich das Team von Strauss & Hillegaart zuletzt intensiv beschäftigte. 18 Monate ist es her, dass die Agentur für Kunst am Bau, einen ganz besonderen Auftrag bekam: Die grafische Gestaltung des Restaurants im Deutschen Pavillon auf der EXPO 2010. Die Expo startete am 1. Mai unter dem Motto „Better city, better life“ in Shanghai. Auch die Architekten des Deutschen Pavillons, Schmidhuber + Kaindl aus München, haben sich an den aufgeworfenen Fragestellungen orientiert und einen Pavillon geschaffen, der sich ganz dem Gleichgewicht zwischen Natur und Stadtleben widmet: „Balancity“. Doch wie speist man nun als Deutscher in perfekter Balance zwischen Natur und Stadt? Strauss & Hillegaart hat darauf eine Antwort gefunden: Unter Bäumen. Der laue Sommerwind, der durch die Blätter weht, die ausladenden Äste, die kühlen Schatten spenden, gemütliche Gespräche auf den Bierbänken und ein romantischer Blick in den Sonnenuntergang am anderen Ende des Sees… unter den Bäumen im Biergarten spüren wir die Natur und fühlen uns ganz mit ihr verbunden. Genau diese Atmosphäre wollte das Künstlerteam grafisch nach Shanghai transportieren.  
 
Aus 30 000 Buchstaben werden 16 Bäume
Für Städter entwickelt sich die natürliche Landschaft zunehmend alserholsamer Rückzugsraum, den er meist in einer idealisierten Landschaft findet und nicht im natürlichen Wildwuchs. Damit wird er oft zum Betrachter einer vom Menschen geformten Landschaftsarchitektur. Strauss & Hillegaart interpretieren dieses Phänomen auf ihre Art und lassen die Naturassoziation allein durch technische und optische Illusionen entstehen. Es wurden Landschaftsmotive entworfen, die sich aus den Namen der deutschen Landeshauptstädte zusammensetzen und einige Säulen des Restaurants sozusagen als Baumstämme umfunktionieren. 16 Bäume aus 30 000 Buchstaben ergeben eine sogenannte anamorphotisch verzerrte Baumlandschaft. Als Anamorphose bezeichnet man Bilder, die nur aus bestimmten Sichtwinkeln erkennbar sind. In diesem speziellen Fall sind die Baumkronen so aufgebracht, dass diese nur aus zwei ausgewählten Sichtachsen unverzerrt erkennbar sind. Beim Verlassen dieser Positionen überdehnen sich diese stark und erinnern eher an ein Schattenspiel unter Bäumen. Abgerundet wird das Konzept durch ein durchlaufendes Panorama welches in der Nahwirkung aus einem feinen Strichraster besteht, obgleich es aus der Ferne als ein durchgehendes Bild erscheint. Die Raumfarben entwickeln sich zu einer Landschaft und runden den Gesamteindruck ab. Die Besucher können dabei unterschiedliche Perspektiven einnehmen und stets aus neuen Sichtachsen verschiedene Natureindrücke gewinnen.
 
Die Technik
Strauss & Hillegaart forscht seit Jahren an den Möglichkeiten der Abstrahierung von Bildaussagen und deren Übersetzung in technisch realisierbare Grafiken am Bau. Für das Restaurant des Deutschen Pavillons wurde ein komplettes 3D-Abbild des Raumes erstellt und anhand dieser Daten die Bildaussage mit einer Art Projektionsebene übertragen. Die Verzerrung im Raum konnte dadurch exakt in Deutschland berechnet werden. Die Bilddateien wurden in einem speziellen Verfahren vektorisiert und dienten als Grundlage für die Herstellung von Schablonen. Diese wurden dann vor Ort millimetergenau auf die Wände geklebt und mit Brillux Fassadenfarbe beschichtet. Im Bereich der Landschaftspanoramen wurde diese Prozedur für jeden unterschiedlichen Farbton wiederholt.
Trotz der technischen Komplexität ist die Anmutung der Gestaltung vor Ort weiterhin die eines gemalten Bildes. Nach Entfernen der Schablonen bleiben unterschiedlich überlagerte Farbschichten übrig, die die Struktur der Beschichtung weiterhin durchscheinen lassen.
Nach einer zweijährigen Planungsphase wurden die grafischen Elemente innerhalb von 14 Tagen von einem vierköpfigen Team vor Ort aufgebracht.
Strauss & Hillegaart, Cottbus

www.s-h.info  
 
 
 
 

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