Rob Krier (1938–2023)

Nachrufe bekannter Persönlichkeiten liegen, so die Mär, meist schon geschrieben in den Schubladen der Redaktionen. Heute wäre das eher ein digital dargestellter Ordner, der in der Rechnerhierarchie ziemlich weit unten zu finden wäre. Nachrufe erinnern im besten Fall oder günstigerweise an das, was bleibt. Rob Krier gehörte nicht zu denjenigen, deren Lebenswerkresümee die ­Redaktion schon zu Lebzeiten fertig geschrieben hatte; das hat er selbst vorgenommen, in zwei dickleibigen Bänden (The Work, I u. II, Birkhäuser 2021), aus denen die Bilder nur so hervorsprudeln wollen. Nun ist er im November vergangenen Jahres in Berlin 85-jährig ­verstorben und wir schauen, was bleibt.

Schlohweißes Haar, fast eine kleine Mähne, ein freundlicher älterer Herr, der immer viel zu erzählen hat. Umgeben von Büchern und zahllosen Papieren aller Formate, die auf Möbeln ausgebreitet liegen, die schon ein paar Jahrzehnte, wenn nicht mehr, alt sind, war der Architekt und Städteplaner, der Lehrer und kritische Begleiter des Baugeschehens (vor allem in seiner Wahlheimat Berlin) irgendwie immer präsent. Jedenfalls auf medialer Ebene: die Medien liebten und verachteten den gebürtigen Luxemburger, wohl, weil der immer etwas (dagegen) zu sagen hatte. Gegen die Verschmutzung der Städte beispielsweise, die Anonymisierung der Stadträume, gegen den Verlust öffentlicher Orte (Plätze).

Das, so könnte man denken, haben doch auch andere gemacht. Mitscherlichs meist nur schlagwortartig rezipierte und damit bis heute unterschätzte Studie „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ von 1965 sei hier genannt, auch die Arbeiten Ralph Erskines, die „Pattern Language“ von Chris­topher Alexander, Jan Gehls Städtebaustudien (mit Helle Søholt!), Jane Jacobs natürlich, sie alle standen und stehen für eine Moderne-Kritik, für eine neue Sicht auf das Alte, dessen Spuren die meisten immer noch in Italien zu finden glauben (aktualisiert in Kopenhagen?).

Rob Krier und der Städtebau

Rob Kriers Erweckung, seine Liebe zum Städtebau, erlebte er nach eigener Aussage in Ravenna, in der Stadt, die er mit anderen italienischen Städten vor dem Studium noch mit der Familie besuchte. Im Architekturstudium in München lenkte ihn nichts Zeitgenössisches ab, die Stadt hatte ihm hier nichts zu bieten, so erinnerte er sich. Ihm waren aus diesen Jahren zuallererst die Bach-Interpretationen von Karl Richter präsent, die damals schon legendär waren. Die Alte Pinakothek in fußläufiger Nachbarschaft war ihm weniger ein Haus als vielmehr der Ort, an dem er vor allem Rembrandt huldigte und weniger dem „Angeber“ Rubens mit seinen übergroßen Formaten. Seinem Städtebaulehrer, Gerd Albers, der Mitgründer der „Stadtbauwelt“ war, legte er seine erste Arbeit zum Städtebau vor („Stadtraum in Theorie und Praxis“), in der Hoffnung, Albers würde diesen Text als Promotion annehmen. Doch Rob Krier war und wurde kein Intellektueller, die Wissenschaft war ihm eher ein Hemmschuh für die Praxis, aus der er vor allem schöpfte. Das Skript hatte er damals allen deutschen Verlagen vergeblich angeboten, bis ein spanischer Verleger zusagte und in Folge der deutsche Verleger Karl Krämer 1975 anbiss … Allerdings musste Krier das Buch selbst finanzieren und gar selbst herstellen!

Das sind Anekdoten, die aber zeigen, was den Architekten ausmachte: umtriebig sein, reisend, selbstverantwortlich. Bilder sammelnd mit der ständig in Bewegung seienden Hand. Rob Krier war Zeichner und begnadeter Bildhauer. Seine Entwürfe für Wohnanlagen oder ganze Quartiere sind auf das engste mit seiner skulpturalen Arbeit verbunden und vice versa. Sie schöpfen aus der schier unübersichtlichen Menge an Zeichnungen, die meist menschliche Torsi zum Thema haben, Abstraktionen von Emotionen und Modulationen von Existenz. Seltener sind die Zeichnungen, die das abbilden, was anzuschauen wäre in den Städten Europas, in denen Rob Krier immer diesen Typus Europäische Stadt suchte und natürlich fand. Nicht in Berlin oder Frankfurt oder München.

Singuläre Architektur wollte ihn nicht berühren

Dass der Allrounder mit festen Überzeugungen in der deutschen Architektenlandschaft keinen wirklichen Platz in erster Reihe hatte, ist weniger dem Mangel eines Werks zu verdanken, eines gebauten wie in zahlreichen Büchern aufgeschriebenen. Im Gegenteil, das Werk ist sichtbar vorhanden, nur leider spielt es postmoderne Töne. „Leider“, weil die Postmoderne in Deutschland nicht immer schon Objekt einer Architekturgeschichte war, wie sie es heute ist und man wieder postmodern sein darf, ohne gleich als Rückwärtsgewandter diffamiert zu werden. Rob Krier war ein Postmoderner. Er hatte bei Ungers gearbeitet und dessen Moderne-Kritik für einen ganz eigenen Zugang zum Moderne-Erbe gesucht. Dabei interessierte ihn weniger das Spiel mit historisierenden Elementen als entwerferische Übung. Ihm waren das Anknüpfen an einen vermeintlich menschlicheren Städtebaumaßstab, an gebogene Straßenräume, an Fassaden mit Gesichtern, mit  Sockel-/Dachzonen, Pfeilervorbauten und natürlichem Farbkomponieren Mittel zur Individualisierung und Akzeptanz (Pflege!) von Architektur im Kontext. Singuläre Architektur wollte ihn nicht berühren; Architektur hatte immer an das anzuknüpfen, was schon vorhanden war.

Was bleibt? Wohnbauten in Berlin oder Wien oder in den Niederlanden. Fast fünfzig Bücher, von denen es nun die doppelbändige Kompilation des Vorhergegangenen gibt. Rob Krier hat hier – wie schon bei seinem ersten Buch – das meiste gemacht, wieder „leider“, denn das Nichtkuratieren/-redigieren erzeugt Redundanz und – wie im vorliegenden Fall – erschlagende Überfülle. Und an manchen Stellen einen larmoyanten Ton, der angesichts der Lebensleistung unverständlich ist.  Die beiden Bände sind allein von einem Inhaltsverzeichnis gegliedert, es fehlt eine Literaturübersicht und das Werkverzeichnis spiegelt das wider, was den Vor- bzw. Nachlass an das Archiv des DAM ausmacht … (s. a. auf „Bücher“, hier S. 20f.)

Nun ja, Rob Krier hat einfach das gemacht, was ihm richtig erschien. Und das hat nicht immer jedem gepasst. Es gilt, sein Werk neu zu entdecken, gerade in dieser Zeit, in der Expertinnen das Ganze aus den Augen zu verlieren scheinen. Die Zeit wäre da, fast erscheint sie ideal für diese Wiederentdeckung eines ganz eigenen Kosmos.

Benedikt Kraft/DBZ

www.robkrier.de

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